The British Intellectual and Antisemitism

This article appeared in Die Presse 7 November 2013

Antisemitismus als Problem für britische Intellektuelle
Hat Englands geistige Elite vor 1939 noch Juden abgelehnt, ist an deren Stelle nun die Ablehnung Israels getreten.
Von Denis MacShane (Die Presse)
England hat innerhalb Europas wohl die beschränkteste intellektuelle Klasse. Nur sehr wenige Professoren – wenn sie nicht gerade Fremdsprachenlehrer oder Spezialisten etwa für französische oder italienische Geschichte sind – sprechen oder lesen eine fremde Sprache. Sie greifen nicht zu „Le Monde“, „Spiegel“ oder „El País“, und manchmal warten sie jahrelang darauf, dass die Übersetzung eines grundlegenden Werks in einer der europäischen Sprachen in London erscheint.

Zurzeit werden in Großbritannien umfangreiche Bücher über den Ersten Weltkrieg publiziert. Viele davon kommen ohne Zitate aus französischen oder deutschen Quellen aus – es sei denn, diese liegen schon übersetzt vor.
Geht es um die Gründung Israels, scheinen nur wenige britische Intellektuelle die Cambon-Deklaration vom Juni 1917 zu kennen, die der Balfour-Deklaration (November 1917) um Monate zuvorkam und mit der Frankreich sich verpflichtete, die Notwendigkeit einer jüdischen Heimstätte am östlichen Ufer der Mittelmeers anzuerkennen und zu unterstützen. Dass das Mandat schließlich Großbritannien übertragen wurde, verlieh selbstverständlich der Balfour-Deklaration größeres Gewicht.

Eigentümliche Leidenschaften
Man kann hunderte Darstellungen zur Gründung Israels lesen, ohne zu wissen, dass Frankreich das Recht der Juden auf eine Heimstätte und einen eigenen Staat ebenso unterstützte wie Großbritannien.
Dafür kann man täglich widerliche antisemitische Tweets oder abenteuerliche Enthüllungen lesen, dass Juden weltweit die Medien und die Wirtschaft kontrollierten. Zu behaupten, die Besorgnis, die solche Behauptungen auslösen, sei künstlich und nur hochgespielt, um die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung zu unterstützen, ist eine eigentümliche englische Leidenschaft, ein Steckenpferd von Intellektuellen wie Brian Klug.
Klug wurde als Hauptredner zu einer Konferenz über Antisemitismus eingeladen, die am 8. und 9.November 2013 im Jüdischen Museum in Berlin stattfindet. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Klugs Weigerung, einen „neuen Antisemitismus“ seit 2000 zu bemerken, und Versuchen, die Geschichte umzuschreiben? Ist es nicht für Israel und die Erinnerung an den Holocaust gleichermaßen gefährlich, aktuelle Entwicklungen des Antisemitismus zu verharmlosen oder sie zu leugnen?
Das provinzielle England, das niemals unter der Herrschaft der Nazis leiden musste, in dem der Kommunismus eher ein Thema auf Dinnerpartys Intellektueller war oder sich auf den Kampf um die Macht in Gewerkschaften beschränkte, zeigte nie großes Interesse an der Kritik der Theorie des doppelten Völkermords – jener derzeitigen Strömung in Europa, die Rot und Braun gleichsetzt und den Holocaust trivialisiert.
Dennoch ist es gerade England, wo mehr noch als in anderen europäischen Staaten die Existenz eines „modernen“ Antisemitismus bestritten wird, wo sich ein solcher aber weiterentwickelt hat und zu einem Leitmotiv islamistischer Ideologie geworden ist.
Wie der „Guardian“-Journalist Jonathan Freedland beobachtet hat, ist die Debatte über Antisemitismus in England verschlüsselt und verschwommen. Er schreibt: „Zeigt der Antisemitismus sich nicht in SS-Uniform oder im Hitlergruß, werden wir regelmäßig in Verwirrung gestürzt. Plötzlich finden wir uns in einem Seminarraum wieder und rufen nach Experten, die uns erklären, ob dieser Satz antijüdisch war oder nicht, und regelmäßig endet die Diskussion ohne ein klares Ergebnis. Gesteigert wird die Verwirrung sehr oft noch durch Juden, die anderen Juden widersprechen…“

Antiisraelische Linke
Insgesamt weigert sich die linke jüdische Intelligenz in England, Antisemitismus zu verurteilen, sofern eine bestimmte Linie nicht überschritten wird. Repräsentiert wird sie durch Menschen wie Brian Klug, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Klagen über den Antisemitismus als Deckmantel für eine unkritische Unterstützung israelischer Politik zu denunzieren.
Ja, es gibt Menschen, deren Loyalität zu Israel so weit geht, dass sie jedes Hinterfragen staatlichen israelischen Handelns in den seit 1967 besetzten Gebieten oder der Diskriminierung von unter israelischer Hoheit lebenden Nichtjuden als antisemitisch brandmarken, und die jeden Juden verurteilen, der sich nicht bedingungslos hinter die Politik der gegenwärtigen rechten Regierung Israels stellt. Doch noch schlimmer sind zweifellos jene, die einfach leugnen, dass es einen neuen Antisemitismus gibt.
Als Nichtjude schrieb ich 2008 das Buch „Globalisierung des Hasses: Der neue Antisemitismus“. Es setzte die Arbeit einer vom britischen Parlament beauftragten Kommission fort, deren Leitung ich 2005 nach meinem Rücktritt vom Posten des Vizeaußenministers übernommen hatte. Die Arbeit der parlamentarischen Kommission wie auch mein Buch deckten Beispiele eines modernen Antisemitismus in Großbritannien auf, die Grund zur Sorge sein sollten.

Nachhaltige Angriffe
Brian Klug als führender Leugner eines neuen Antisemitismus attackierte mein Buch. Er setzte meine Analyse und Kritik des Antisemitismus mit antisemitischer Ideologie gleich. Wie andere auch streitet er obsessiv gegen Aktivitäten der EU, die sich gegen Antisemitismus wenden. Die 2005 vorgestellte Arbeitsdefinition zum Antisemitismus des EU Monitoring Committee (EUMC) wurde zu Recht als wichtiger, wissenschaftlicher und ausgewogener Schritt gelobt, in Worte zu fassen, was Antisemitismus im 21.Jahrhundert ausmacht.
Doch sie ist gleichfalls Ziel für nachhaltige Angriffe von Ideologen, besonders islamistischer, aber auch durch antiisraelische Linke, die den Gedanken daran, dass Antisemitismus noch immer existiert, aus der aktuellen Politik verbannen möchten.
Niemanden stört es, wenn für Solidarität mit Palästinensern geworben wird, ohne Aspekte der Hamas-Ideologie, der Korruption oder das gestörte Verhältnis der sie unterstützenden wahabitischen Staaten zu Menschenrechten, Demokratie und Meinungsfreiheit zu hinterfragen. Aber es scheint inakzeptabel, wenn argumentiert wird, dass Israel ein Recht auf Existenz hat und dass die jüdische Bevölkerung Israels viel erreicht hat, worauf sie stolz sein kann.

Der Preis für Provinzialismus
Brian Klug seien seine Ansichten gegönnt. Aber seine Obsession, den Antisemitismus zu leugnen, schwächt und verfälscht die gegenwärtige Diskussion über Antisemitismus in England. Das führt zu der paradoxen Situation, dass nicht jüdische Verteidiger der Juden stigmatisiert werden, während jüdische Antisemitismus-Leugner wie Brian Klug ungestört tun können, wonach ihnen beliebt.
Das ist der Preis für Provinzialismus und die Unfähigkeit britischer Intellektueller, in universellen Kategorien zu denken und zu streiten. Haben sie vor 1939 Juden abgelehnt, ist an deren Stelle die Ablehnung Israels getreten. In diesem Sinn ist Brian Klug ein sehr britischer Denker.

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